Abitur 2019 – Lessings Trauerspiel „Emilia Galotti“ – Analyse und Interpretation – Ein Seminar für Lehrer und Schüler
Sehr geehrte Deutschlehrerinnen und sehr geehrte Deutschlehrer,
entschuldigen Sie bitte dass ich gleich mit der bekannten Tür ins Haus falle. Ich weiß dass sich das nicht schickt. Schon gar nicht für jemanden der seit zweihundertdreissig Jahren tot ist. Da sollte man einfach die Klappe halten, und den Lebenden das Feld überlassen. Würde ich auch gerne machen. Wäre da nicht mein Trauerspiel Emilia Galotti.
Damals nannte ich es: Emilia Galotti – Ein Trauerspiel. Daraus geworden ist: Emilia Galotti – Ein bürgerliches Trauerspiel. Jetzt sagen Sie vielleicht: „Lieber Lessing, nun halte mal den Ball flach. Es gibt Schlimmeres. Ein Wort mehr oder weniger, ist das wirklich so wichtig?“ Leider ja. Denn dieses unscheinbare, kleine Adjektiv macht aus meinem Trauerspiel ein langweiliges und altmodisches Lehrstück!
Und alles nur wegen meinem Brief an Friedrich Nicolai in Berlin. Der hatte nicht nur zu einem Autoren-Wettstreit unter dem Motto „Wer schreibt das beste Trauerspiel“ aufgerufen, sondern auch noch ein schönes Preisgeld gestiftet. Weil ich wegen meiner Leidenschaft fürs Glücksspiel mal wieder pleite war, wollte, nein mußte ich teilnehmen. Inkognito, versteht sich. Also hab ich ihm geschrieben, dass „ein junger Mensch“, der natürlich ich selber war, an einem Trauerspiel arbeite: „Sein jetziges Sujet ist eine bürgerliche Virginia, der er den Titel Emilia Galotti gegeben.“ Peng! Und schon war es passiert. Dieses bürgerlich aus diesem einen Brief, den ich, fünfzehn Jahre bevor das Stück überhaupt fertig war, geschrieben habe, klebt nun bis in alle Ewigkeit an meinem Werk. Dabei meinte mein bürgerlich doch gerade das Gegenteil von dem, was später daraus gemacht wurde! Es meint Emilia als Mensch, als bloßes Mitglied der Zivilgesellschaft. Nicht als Vertreterin irgendeiner Klasse. Zumal die Galottis keine Bürger, sondern Landadelige sind.
Das wollte ich auch dem Franz Mehring, dem Verfasser der berühmten Lessing Legende erklären. Wir begegneten uns kürzlich in einem dieser blechernen Luftschächte im Hamburger Schauspielhaus. Es zog schrecklich und roch nach Kantinenessen. Trotzdem hielt er mich auf und bekundete mir wortreich seine grenzenlose Bewunderung für meine Emilia Galotti. „Das Stück ist eine Abrechnung mit dem Absolutismus, eine Kampfansage an das sittenlose, verkommene Aristokratenpack, Emilias Schicksal ein flammendes Fanal, ein Aufruf zur Revolution! Würden wir noch leben“, rief er pathetisch, „dann wären wir Genossen! Parteigänger des Proletariats! Wegbereiter der Menschheitsbefreiung!“ Ich entgegnete einigermaßen verzweifelt, dass ich doch gerade kein vordergründig politisches Stück hatte schreiben wollen. Aber Mehring schnitt mir das Wort ab: „Verehrter Lessing, entschuldigen Sie, da muss ich Sie, bei allem gebotenen Respekt, korrigieren. Er zitierte aus meinem fatalen Brief an Nicolai und verschwand im Dunkeln, ohne sich auf weitere Diskussionen einzulassen.
Diese Begegnung war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Ich ein Klassenkämpfer? Emilia Galotti Revolutionspropaganda? Ich musste etwas unternehmen. Nur was? Und mit wessen Hilfe? Allein würde ich es niemals schaffen. Und dann dachte ich an Sie! An Sie als Deutschlehrer! Als “Deutsch-Retter”! Helfen Sie mir, mein Stück zu retten!
Ich bat den Chef um Urlaub. Von der Ewigkeit. Um die Angelegenheit persönlich zu klären. Doch ER meinte, tot sei tot, da gäbe es keine Ausnahme. Immerhin durfte ich mir einen Vertreter, eine Art irdischen Rechtsbeistand suchen. Einzige Bedingung: Derjenige müßte an einem 15. Februar, meinem Todestag, geboren sein. Na toll! Nur, was sollte ich machen? Es war eine klitzekleine Chance.
Natürlich gibt es eine Menge Leute, die an einem 15. Februar geboren sind. Nur, was nützt mir ein Friseur, ein Bäcker oder ein Atomphysiker, wenn er mit dem Thema nichts anfangen kann? Doch endlich, ich hatte schon aufgeben wollen, habe ich jemanden gefunden. Einen Theatermenschen. Ich bin dem armen Kerl in Gestalt meines Denkmals vom Hamburger Gänsemarkt, auf den Glockenschlag um Mitternacht im Traum erschienen und habe ihm mit bronzen-dröhnender Stimme zugerufen: „Rette Emilia Galotti! “
Hilfe! Hat der sich erschrocken!
Aber – es hat funktioniert! Und deshalb gibt es jetzt ein Seminar, einen Workshop, und sogar ein neues Theater-Stück zu meinem Stück! Ja! Wirklich! Dieser Mensch hat tatsächlich ein eigenes Theaterstück geschrieben:„emilia galotti unplugged“. Darin läßt er Emilia die Ereignisse aus ihrer Sicht erzählen. Wirklich spannend. Sogar für mich! Überzeugen Sie sich selbst, und entdecken Sie eine völlig neue Emilia Galotti!
Vielen Dank! Mit vorzüglicher Hochachtung, Ihr sehr ergebener
Gotthold Ephraim Lessing
Hamburg, im Januar 2019
Das Stück – emilia galotti – unplugged
„emilia galotti – unplugged“ – ist ein Eine-Frau-Stück, dass speziell für Aufführungen in Schulen, im Klassenraum, geschrieben und inszeniert wurde. Ergänzt durch ein, im Anschluss stattfindendes Inszenierungsgespräch, und mit einer Gesamtdauer von etwa neunzig Minuten, läßt sich das Format perfekt in den Deutsch-Unterricht integrieren. Der technische Aufwand ist minimal – was wir mitbringen passt locker in einen Koffer.
Aber warum eigentlich „emilia galotti – unplugged“? Gibt es der allseits bekannten Geschichte vom adligen Schürzenjäger der die tugendhafte, fast verheiratete, bürgerliche Emilia entführen, ihren Bräutigam ermorden, und sich – da die Braut den Tod einem Leben in Schande vorzieht – um die Früchte seines Anschlags betrogen sieht, noch Neues hinzuzufügen? Wir meinen: „Ja“!
„emilia galotti – unplugged“ lässt die Titelheldin zum ersten Mal selbst erzählen was ihr an jenem Tag passierte. Indem wir die Ereignisse gleichsam mit Emilias Augen sehen, kommen wir ihr nahe. Und damit auch der Antwort auf die zentrale Frage des Stückes: „Warum stirbt Emilia?“ Lässt sie sich wirklich moralisch korrekt von ihrem Vater hinmeucheln? Ist sie eine Gans, oder ein Luderchen, wie Geheimrat Goethe ratlos fragte?
Für Lessing, den unumstritten hellsten Kopf der deutschen Aufklärung, war das „schwache“ Geschlecht das eindeutig stärkere. Frauen heißen bei ihm weder Gretchen noch Käthchen, und sie denken selbst. Was also passierte wirklich auf Schloss Dosalo? Mit „emilia galotti – unplugged“ sind wir auf Spurensuche gegangen, und haben erstaunliche Entdeckungen gemacht. An denen wir Lessing-Freunde, Deutsch-Enthusiasten, und überhaupt alle Interessierten sehr gerne teilhaben lassen wollen.
Beteiligte:
Selina Iglesias – Schauspielerin
Michael Jurgons – Text und Regie
Dauer:
Etwa neunzig Minuten. Eine kurze Pause
Aufführung:
Etwa vierzig Minuten.
Inszenierungsgespräch im Anschluss:
Etwa fünfundvierzig Minuten.
Maximale Personenzahl:
Dreissig Schülerinnen und Schüler
Kosten insgesamt:
Zweihundertfünfzig Euro pro Aufführung. Bei Doppel-Vorstellungen an einem Tag und am gleichen Ort zweihundert Euro pro Aufführung.
Zielsetzung:
Unser Projekt will dazu einladen, die traditionelle Sicht auf Lessings Trauerspiel „Emilia Galotti“ kritisch zu hinterfragen, und so den klassischenText neu zu entdecken.
Adressaten:
Deutsch-Fachlehrer, die gymnasiale Oberstufe, Abiturklassen der STS, Deutsch-Leistungskurse
Schulform:
Stadtteilschule, Gymnasien
Räumliche Voraussetzung:
Klassenraum, oder ähnlicher, nicht zu großer Raum. Freie Bestuhlung, für die Aufführung möglichst halber Stuhlkreis, für das Inszenierungsgespräch ganzer Stuhlkreis.
Terminabsprache:
Bitte über Michael Jurgons
Tel.: 040-22757413 (abends) oder 0174-2407649 (tagsüber)
E-Mail: dietheatermacher@t-online.de
Gesamtleitung:
Michael Jurgons
Patrick Abozen (als Hettore Gonzaga, Prinz von Guastalla)
Cem-Ali Gültekin (als Marchese Marinelli)
Das Seminar
Dauer: Fünfundvierzig oder neunzig Minuten
Voraussetzung: Keine, außer Kenntnis des Stückes und Neugier.
In dem, als Ergänzung zum Unterricht angelegten Seminar Emilia Galotti – (k)ein bürgerliches Trauerspiel lernen die Teilnehmer das Stück auf neue und aufregende Weise kennen. Es zeigt sich, dass die gewohnten Erklärungsmuster vom Kampf des Bürgers Galotti gegen den Adeligen Gonzaga zu kurz greifen. Durch die unvoreingenommene Sicht auf die Geschichte gewinnen alle Charaktere, besonders aber die Frauenfiguren und allen voran Emilia, an Dimension. Lessings Drama präsentiert sich als zeitlos moderner psychologischer Politthriller.
Der Workshop
Der Workshop bietet die Möglichkeit im Seminar gemachte Entdeckungen praktisch zu überprüfen und zu vertiefen. Professionell angeleitet erleben die Teilnehmer die Geschichte aus der Sicht einzelner Figuren. Sie erfahren Bedeutung und Wirkung von Text und Subtext in konkreten Bühnensituationen. Einzelne Schlüsselszenen des Stückes werden gemeinsam erarbeitet, anschließend gezeigt und besprochen.
Über mich
In Leipzig geboren. Nach der Schule Ausbildung zum Buchdrucker. 1977/78 Militärdienst. Anschließend von 1978 bis 1982 Regie-Studium an der Berliner Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch. Noch während des Studiums erste Inszenierung: Die Witwen von Akos Kertesz am Deutsch-Sorbischen-
Kontakt
Michael Jurgons
Regisseur
Gerstäckerstraße 12
20459 Hamburg
Tel.:040/ 227 57 413
mobil: 0174/ 240 76 49
mailto: dietheatermacher@t-online.de